Frühstart über 100 km

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Rudertour Berlin – Fürstenwalde – Berlin

Von Detlef D. Pries (Pro Sport Berlin 24)

„Wanderrudern – 100 Jahre Kult“, heißt die Aktion des Förderkreises Wanderrudern zum 100-jährigen Bestehen des Fachausschuisses im DRV. Aufgerufen wird zu 100-Kilometer-Rudertouren unterschiedlicher Dauer. Auch Eintagesfahrten dürfen dabei sein. Was lag da näher als die Idee, eine Fahrt wieder aufleben zu lassen, die bei der BSG Post Berlin einst Tradition war: Einmal jährlich wurde der Gig-Achter von Wendenschloß nach Teupitz und zurück gerudert – 105 Kilometer „am Stück“.

Eine Idee, das wissen Absolventen ostelbischer Bildungseinrichtungen früherer Jahre, wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Was aber, wenn die Massen – in diesem Fall wären sogar nur neun Damen und Herren erforderlich gewesen – sich nicht ergreifen lassen wollen? Dem einen war‘s zu früh in der Saison, dem anderen zu früh am Tag (Start um 7 Uhr) und wieder anderen unabhängig von Tages- und Jahreszeit eine unzumutbare Schinderei.
Die Idee verlangte also nach Veränderung: Aus dem Achter wurde ein Vierer, statt Teupitz wurde Fürstenwalde zum Wendepunkt erklärt, was für den Rückweg wenigstens ein bisschen Strömung versprach. Auch wenn die Müggelspree nicht mit Elbe, Weser oder Rhein vergleichbar ist, wo sicherlich die meisten 100-km-Touren absolviert werden.
Drei Teilnehmer aus den eigenen Reihen waren entschlossen: Waltraud Pelz, Marianne Krappatsch und der Autor. Zwei mutige Gäste vom Halleschen RC vervollständigten die Mannschaft: Hubert Nießen, immerhin Träger des dritten Äquatorpreises, und Hans-Joachim „Hansi“ Thurmann, der die Erde auch schon umrundet hat, allerdings auf einem Kreuzfahrtschiff. An 350 Jahren Mannschaftsalter fehlte nicht gar so viel.

WS-100km-Fwa
Kurz vor 7 Uhr saßen wir im Boot und starteten mit ruhigem 14er Schlag am Bootshaus Wendenschloß des PSB 24. Nicht schnurstracks zur Schleuse Wernsdorf im Oder-Spree-Kanal, sondern auf einem Umweg über Zeuthener und Krossinsee, denn sonst wären wir nicht auf 100 Kilometer gekommen.
Vor Sonnenbrand brauchten wir uns nicht zu schützen, Regenkleidung war auch nicht erforderlich – fast ideales Ruderwetter also. Nach etwa zwei Stunden hatten wir die Schleuse erreicht und das Glück, ohne lange Wartezeit zusammen mit einem Motorschiff gut 4 Meter aufwärts geschleust zu werden.
An den Ufern des Oder-Spree-Kanals haben die Biber im Winter viel Holz gemacht, wir wollten viele Kilometer machen. Nur eine Schiffersfrau aus Glückstadt hatte etwas dagegen, dass sich da ein Ruderboot vor  ihrer „Concordia“  herumtrieb. Jedenfalls schimpfte sie lauthals, wir hätten keine Ahnung. Wovon?
Sonst boten die 27 Kanalkilometer zwischen Wernsdorf und Fürstenwalde wenig Abwechslung, wenn man davon absieht, dass Hansi sich beschwerte: Auf 100 Kilometer Rudern sei er ja eingestellt, aber dass er zum Steuermannswechsel mühsam durchs Boot klettern müsse, habe man ihm nicht gesagt. Extra anzulegen, dazu reichte die Zeit jedoch nicht.
Je näher wir der Schleuse Fürstenwalde kamen, desto mehr machte sich Gegenströmung bemerkbar. Nach der Wende – „stromab“ – ging‘s spürbar wieder schneller.
Wo sich die Müggelspree vom Oder-Spree-Kanal Kanal trennt, am Wehr „Große Tränke“, war die Hälfte der Strecke bewältigt, fast sieben Stunden nach dem Start. Im Herbst noch hatte man das Wehr dank hohen Wasserstands durchfahren können, diesmal mussten wir die Bootsschleppe benutzen. „Habt ihr ja Glück gehabt“, meinte einer, der gerade am Wehr zu tun hatte, „erst gestern haben wir den Bootswagen hingestellt.“

WS-100km-Fwa
Nach kurzem Imbiss stiegen wir wieder ins Schiff und durchruderten die ungezählten Bögen und Schleifen der Müggelspree – GPS-gemessene 34 Kilometer bis Erkner. „Anrudern?“, fragte jemand vom Ufer.
Der Dämeritzsee bei Erkner zeigte sich ruhig, so dass wir bedenkenlos den Weg zum Müggelsee einschlugen. Der aber empfing uns mit überraschend starkem Wellengang, was uns zu einem großen Bogen gegen den Wind zwang. So dunkelte es schon, als wir beim Friedrichshagener Ruderverein den letzten Stopp machten. Aber an ein Toplicht hatten wir natürlich gedacht.
20.40 Uhr war‘s, als wir wieder in Wendenschloß anlegten. Fast 14 Stunden für 102 amtliche Kilometer. Keine Rekordzeit, aber darauf hatten wir‘s auch nicht angelegt.  Durchhalten, hieß die Devise, und das hatten wir geschafft. Die meisten saßen auch schon tags darauf wieder im Boot.
Nur ich erschrak, als ich im Bootshaus noch einmal auf den Aufruf zu 100-km-Jubiläumsfahrten schaute. In welchem Zeitraum sollten die stattfinden? Tatsächlich stand da: „1. Mai – 31. Oktober 2011.“ Und wir schrieben den 6. April. Frühstart also. Werden wir jetzt etwa disqualifiziert?

WS-100km-Trnke

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