Vergessene Jubiläen

Veröffentlicht in Breitensport und Wanderrudern

Eine kleine Geschichte des „Blauen Wimpels“

Für das Jahr 1925 hatte der Wanderruder-Verband Mark Brandenburg neben verschiedenen Einzelwettbewerben einen Herausforderungspreis ausgeschrieben, „den derjenige Verein auf ein Jahr erwirbt, dessen Mitglieder die größte Kilometerdurchschnittsleistung erzielt haben“, wobei auch damals nur eine bestimmte Anzahl von Ruderern – in Abhängigkeit von der Vereinsgröße – berücksichtigt wurde. Der Sieger des Wettbewerbs erhielt das Recht, ein Jahr lang unter der Vereinsflagge das Blaue Band zu führen.

Gelegentlich des Anruderns 1926 – also vor 100 Jahren – wurde der erste Gewinner des Wettstreits um dieses Blaue Band geehrt. Es war der Ruderclub Berolina, worauf später zurückzukommen sein wird. Auch in den folgenden Jahren bis 1936 wurde der Wettbewerb ausgeschrieben, sowohl vom Spree-Havel-Ruderverband, in dem der Wanderruder-Verband Mark Brandenburg 1929 aufging, als auch vom „Gau Brandenburg III“ des Deutschen Ruderverbands.

Wahrscheinlich erinnerte man sich im Berliner Regattaverband im Jahre 1950 an eben dieses Blaue Band, als der Vereinswettbewerb um den Blauen Wimpel ausgeschrieben wurde: „Es erhält eine Ehrenurkunde des B.R.V. der Verein, der in der Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1950 die größte Durchschnittskilometerzahl rudert.“ Gewertet wurde zunächst „die laut Fahrtenbuch ausgewiesene Gesamt-Kilometerzahl (also einschließlich der von Gästen, Jugendlichen, Frauen geruderten Kilometer), geteilt durch die Zahl der ausübenden Mitglieder einschließlich Jugendlicher“. Der Wettbewerb „ging von dem Gedanken aus, dass der normale Ruderer 50 Jahre rudert und davon 5 Jahre trainiert. Es soll aber auch in diesen 45 Jahren Wettkämpfe geben, an denen der Einzelne und der Verein teilnehmen kann“.

Zehn Jahre nach der ersten Ausschreibung berichtete Rudolph Franz Schade vom Ruderklub am Wannsee im „Rudersport“: „So schlicht der meterlange, von Ruderinnen hergestellte Wimpel aus blauem Tuch mit den gelben Buchstaben ,BRV‘ ist, so wertvoll ist sein jeweils einjähriger Besitz (…) Bei den sogenannten kleinen Vereinen, die nicht die Möglichkeit haben, ,Töppe‘ in rauer Zahl auf Regatten zu erringen, ersetzt er die Siegeswimpel der ,großen‘ und Rennvereine.“

1950, im ersten Wettbewerbsjahr, hatten zwölf Westberliner Vereine ihre Ergebnisse eingereicht. Als Gewinner wurde der Ruderverein Stößensee mit einem Durchschnittswert von 656,2 Kilometern ermittelt. Wem der Name nichts sagt: Der 1912 gegründete Ruderverein Siemens gab sich nach dem Krieg erst 1952 wieder seinen ursprünglichen Namen (bevor er sich 2001 der Ruderunion Arkona anschloss und seither durch das „S“ in der Arkona-Flagge weiterlebt).

Sieben Jahre lang war der Gewinn des Wimpels eine „fast einseitig zu nennende Angelegenheit“, denn zwei Vereine – der RV Siemens und die Pichelsberger Rudergesellschaft – jagten ihn sich abwechselnd ab. Dann aber wanderte er von der Unter- zur Oberhavel: 1957 galt es als Überraschung, dass der RC Sparta den Blauen Wimpel gewann. „Heimlich, still und leise hatte er seine Männer und Frauen auf Fahrt geschickt. Damit war das Eis gebrochen und der Wimpel nach Tegel geholt. Jedoch die ,alten‘ Preußen in Heiligensee (…) ließ dies nicht ruhen. Man sah sie zu jeder Tages- und selbst Nachtzeit an allen Ecken und Enden der Westberliner Gewässer. Sie holten den Wimpel 1958“, schrieb Schade. 1959 allerdings musste sich der RV Preußen dem Ruderclub „Welle-Poseidon“ geschlagen geben, der damals noch „in bescheidensten Verhältnissen“ am Kleinen Wannsee beheimatet war und die Trophäe 1960 und 1961 verteidigte.

Inzwischen war ein neuer Wertungsmodus eingeführt worden: In die Berechnung gingen nur noch die Aktiven ein, die Jahresleistungen über 300 km aufwiesen. Und 1961 erhielt der Sieger erstmals einen Dauerwanderpreis in Form eines Standers. Alles spricht dafür, dass es sich dabei um die seither vergebene Trophäe handelte: Am Miniatur-Flaggenmast mit den kleinen, längst vergilbten Wimpeln des Deutschen Ruderverbands und des Berliner Regatta-Vereins (der 1971 zum Landesruderverband Berlin wurde), lehnen gekreuzte Skulls samt Steuer und Paddelhaken. Auf dem Sockel, der schon „aufgestockt“ werden musste, sind die Flaggen der Siegervereine befestigt. Wer der Schöpfer dieses Preises war, ließ sich bisher nicht ermitteln.

Die Bedingungen des Wettbewerbs wurden mehrfach modifiziert. Gäste werden längst nicht mehr berücksichtigt, auch die 300-Kilometer-Grenze ist gefallen. Heute kommen für jeden Verein die 10 kilometerreichsten und weitere 20 Prozent der aktiven Mitglieder in die Durchschnittsberechnung.

Der Ruderclub Welle-Poseidon wurde jedenfalls 1962 vom BRK Astoria abgelöst, der den Blauen Wimpel zunächst für drei Jahre an den Kleinen Wannsee entführte. In den folgenden fünf Jahren wurde der Stander tatsächlich zum Wanderpreis: Vom Spandauer Ruderclub wanderte er erneut zum RC Sparta, zurück zum BRK Astoria, wieder zum RC Sparta und schließlich 1969 zur Rudervereinigung Hellas-Titania, die ihn für acht Jahre an die Scharfe Lanke holte. Es war die hohe Wanderruderzeit des Vereins, der in jenen Jahren auch den Georg-Winsauer-Preis des DRV nach fünfmaligem Gewinn eroberte.

Auf die „Ära“ Hellas-Titania folgte diejenige des BRC Hevella. Nach Siegen 1977 und 1978 mussten die Hevellen den Blauen Wimpel zwar zunächst für drei Jahre an den BRK Brandenburgia abgeben. Danach aber, zwischen 1982 und 1996, schienen sie 15 Jahre lang unschlagbar zu sein. Erst 1997 wurden sie von den Ruderern des Postsportvereins abgelöst. Seit 2005 unter dem Namen Pro Sport Berlin 24 unterwegs, ließen sie sich den Blauen Wimpel seither nur zweimal entreißen: Im Jahr 2000 gelang das noch einmal dem BRC Hevella, 2012 war der Spandauer Ruderverein Friesen erfolgreich.

74 Flaggenabzeichen zieren mittlerweile den Sockel des Wanderpreises. In den Corona-Jahren 2020 und 2021 wurde kein Sieger ermittelt. Eine Reihung nach der Zahl der Erfolgsjahre:

25-mal – Pro Sport Berlin 24 (ehemals Postsportverein)
18-mal – BRC Hevella
8-mal    – Rvg. Hellas-Titania
4-mal    – RV Siemens (2001 Anschluss an RU Arkona)
4-mal    – BRK Astoria     (heute Astoria RG in der BTK)
3-mal    – Pichelsberger RG
3-mal    – RC Sparta (1974 Anschluss an RC Tegel)
3-mal    – RC Welle-Poseidon
3-mal    – BRK Brandenburgia
2-mal    – Spandauer RVC bzw. Spandauer RC Friesen
1-mal    – RV Preußen (2015 Zusammenschluss mit RV Saffonia)

Zurück zum RC Berolina, dem ersten Sieger des Wettbewerbs um das Blaue Band. Der Verein erruderte den Preis nicht nur 1925, sondern auch 1926 und 1927. Verbunden mit dem Blauen Band war seinerzeit ein Silberpokal, der nach dreimaligem Gewinn endgültig in den Besitz des Vereins überging. Wo aber war der Ruderclub Berolina zu Hause? In eben jenem Bootshaus, in dem 100 Jahre nach der ersten Preisverleihung und 75 Jahre nach der ersten Auszeichnung mit dem Blauen Wimpel am 8. März 2026 die Wanderruderehrung für das Jahr 2025 stattfand – im heutigen Haus der Treptower Rudergemeinschaft. Bleibt nur eine Frage: Wo ist der Silberpokal geblieben?

Detlef-Diethard Pries

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