Landesruderverband Berlin e.V.

Die Turngemeinde in Berlin (TiB) engagiert sich für das Rudern von Gehörlosen

Ein Projekt der ganz besonderen Art


Dieser Tage war es wieder einmal so weit, und der Berichterstatter war interessierter Beobachter: Berlins ältester Sportverein, die Turngemeinde in Berlin 1848 e.V. (TiB), hatte gehörlose Sportler zu einem Schnuppertraining ins Bootshaus nach Spandau-Tiefwerder eingeladen. Ein spannender Termin, denn so etwas gibt es nicht nochmal in Deutschland und darüber hinaus, sogar weltweit. 2008 hatten Iris Zörner-Bothe, Leitungsmitglied der TiB-Kanuabteilung, ihr Mann Dietmar, rühriger TiB-Ehrenvositzender, und ein Kreuzberger

Lehrerkollege von Iris, der eine Gebärden-Sprachausbildung absolviert hatte, „am Küchentisch“ auf die Idee, eine Bevölkerungsminderheit für den Wasserfahrsport zu gewinnen, an die bis dato kaum jemand gedacht hatte. Im Mai 2010 wurde das Projekt gestartet, inzwischen haben diverse Gesprächsrunden, Besichtigungen, Planungen und eben auch Schnuppertermine stattgefunden. Die haben jedesmal bestätigt – es gibt einen zwar nicht riesigen, aber doch vorhandenen Bedarf und die Leute haben Lust darauf und Spaß daran. Also wurde ein Angebot dazu geschaffen.

„Damit wird nicht nur in wohlfeilen Worten über Integration geredet, sondern gehandelt“, sagt Bothe. Zwar hat Sport für Menschen mit Handicap hierzulande jüngst stetig an Bedeutung und Anerkennung gewonnen, aber die Defizite sind immer noch da – zum Beispiel bei den Gehörlosen. Körper- und Seh- (Paralympics), auch geistig Behinderte (Special Olympics) haben eine „Lobby“ nicht ohne Einfluss. Nicht ganz so ist es bei den Gehörlosen, deren „Olympia“, die Deaflympics, im Sommer- und Winterwechsel alle zwei Jahre stattfindet. 2013 wird Athen der Gastgeber. Trotz der viel längeren Geschichte der Deaflympics (schon seit 1924) im Vergleich zu Paralympics (seit 1960) ist Gehörlosensport in der Öffentlichkeit weit weniger präsent und akzeptiert. Gehörlose fühlen sich häufig als Randgruppe am Rande des Randes der Gesellschaft. Im Lebensalltag haben sie gegen Informationsmangel, Barrieren, Vorurteile und Diskriminierungen zu kämpfen. Aus manchen Bereichen des Arbeitsmarktes werden sie systematisch ausgeschlossen. Sie wehren sich z.B. mit der Kampagne „Wir können alles, nur nicht hören!“.

Letzteres hat die TiB auf- und beim Wort genommen. Sie ist mit ihrem Projekt an den zwei Standorten in Spandau (Tiefwerder) und Köpenick (Oberspree) um die Integration und Inklusion von Gehörlosen im Rudern und Kanu bemüht. „Das ist in Deutschland und international einmalig, wenn man mal von einem Kanuverein in Braunschweig absieht“, weiß Bothe. Wasserfahrsport für Gehörlose gibt es weder im nationalen Verband (DGSV) noch im Programm der Deaflympics. Warum dem so ist, wird schnell klar. Im Rudern sitzen die Aktiven gegen die Fahrtrichtung, müssen die Boote entweder selber steuern oder sind auf Kommandos von Steuerleuten angewiesen. Noch so große Lautstärke erfüllt bei Gehörlosen den Zweck nicht. Auch Lautsignale der Berufsschifffahrt werden nicht gehört. Deshalb braucht man neben Steuermann (-frau) im Boot einen Gebärden-Dolmetscher, der die Anweisungen „übersetzt“. Mittig muss er/sie in den kompakt konstruierten Barken oder Gig-Booten sitzen, um von jedem gesehen zu werden.

Nicht ganz einfach also, „aber machbar“, sagt Bothe. Mal wird in Zweiern gerudert (eine Gehörlose, eine Hörende, eine Dolmetscherin), mal in größeren Teams. Praktizierte Integration. Das neue TiB-Wassersportzentrum in Köpenick (Oberspree), das Ende August der Bestimmung übergeben wird, ist mit Installationen für Schwerhörige ausgerüstet, die allein 3000 Euro gekostet haben. „Als Verein muss man das wollen, sich bewusst entscheiden und die Mitglieder dafür gewinnen“, so Bothe. Auf der TiB-Website findet man ein Gebärdensprachlexikon, das in kurzen Filmsequenzen 300 Begriffe aus Rudersport und -alltag vorgebärdet. Eine Brücke, um „zusammen zu kommen und zusammen rudern zu können“. Der logistische Aufwand lohnt sich. Beim jüngsten Übungstermin in Spandau saßen neun Mann/Frau in einem Siebener-Canadier – fünf Gehörlose, vier Hörende. In Zukunft erhofft man sich bei TiB weitere Zufuhr von Mitmachern durch die Kooperation mit Spezialschulen und Sozialverbänden. Das könnte auch eine wichtige „Personalfrage“ lösen. Viele der Schüler haben hörende Geschwister, die die Gebärdensprache beherrschen und als „Dolmetscher“ dabei sein könnten. Rund 50 000 Hörgeschädigte gibt es nach Schätzungen in Berlin, nur 600 sind im DGSV-Landesverband organisiert.

KLAUS WEISE

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